Lokalkultur

Graffito:

"Free Slobo"

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Lebewesen in Stadt und Land markieren ihr Revier. Nicht nur Kater, Rüden sind altbekannte tierische "Sprayer". Im Endquartal des letzten Jahrhunderts brachte die Industriegesellschaft aus der Gattung Homo Sapiens den Farbsprüher hervor. "Naturgegeben" sind diese gleichfalls meist männlichen Geschlechts. Die vorwiegend nachtaktiven Sprayer verzierten Anfangs die eher öd-grauen Flächen aus Beton, Blech und Holz: Brückenpfeiler, Über- Unterführungen, Bauzäune, U-Bahnen und Züge waren und sind beliebte Objekte, die vermittels Sprühdosen bis heute farblich aufgefrischt werden. Über diese Bilder "pieces" genannt lässt sich, ob ihrer künstlerischen Aussage, vortrefflich streiten. Ob als Kunst oder Schmiererei empfunden: Graffiti sind altbekannte Ausdrucksformen auch des Protestes oder der Zuneigung zur Gesellschaft und deren Repräsentanten, Liebesgrüße und Schmährufe an geliebte oder gehasste Mitmenschen eingeschlossen!

Neu sind die kurzen Namenszüge "tags" genannt. Deren inflationäre Verbreitung im Stadtbild zeugt von einer Zunahme an Menschen, denen offensichtlich "Ein Cent am Euro fehlt". "Ein Groschen an der Mark" wie man vor der "Währungsreform" zu sagen pflegte fehlt gleichfalls "Polizei, Stadtverwaltung, Handwerk, Wohnungswirtschaft und Behörden" der Stadt Kiel: "KLAR SCHIFF Kieler Bündnis gegen illegale Graffiti" wird die Aktion genannt. Der Umweltverschandelung durch illegale Graffiti wollen diese mit der gleichen Inbrunst zu Leibe rücken, wie sie die legale Graffiti im Stadtbild fördern, (be)nutzen, und schützen: Die Überfrachtung des öffentlichen Raumes mit mehr oder weniger blöder (bezahlter) Reklame wird kaum registriert und kritisiert. Ein sonst mit "Ich bin doch nicht blöd" werbender medialer Markt warb jüngst mit einer dreibrüstigen Dame, auch vor dem Neuen Rathaus.bild-werbung Eine reaktionäre Tageszeitung, die mit großen Buchstaben und entblößten Körperteilen Blickfang betreibt, warb stadtweit mit Graffiti (Tätowierungen) auf blanken Körperteilen. Doch ihr seid blöd! Allesamt ein Ab-, Spiegel- und Zerrbild der Verwerfungen und Verwertungen in dieser Gesellschaft: Ob "tags" versprühende Sprayer oder moralisierende Spießer!

In Form politischer Graffiti zu protestieren und zu werben ist dagegen nach wie vor angebracht. Aktuell beispielsweise die Parole "Free Slobo" oder allgemeinverständlicher "Freiheit für Slobodan Milosevic"! Da heiligt der Zweck die Mittel bzw. die Fläche! An exponierten Flächen besteht in Kiel kein Mangel. Die Verschandelung des Stadtbilds durch "markante" Bauten ist der "Stadtregierung" gelungen! Doch wer malt heute schon (solche) politischen Parolen? (W. Jard)

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