Lokalkultur

Kiels Saubermänner schlagen zu:

Tanzdiele geschlossen

Eins muss man der Kieler Stadtverwaltung ja lassen, für halbe Sachen ist sie nicht zu haben. Wer die Stadt derartig verschandelt (Stichwort Hörnbebauung) und kaputtspart (Stichwort: Geplante Schließung der Horte), der muss auch dafür sorgen, dass möglichst keine Ecke bleibt, in der sich kreativ und unkontrolliert Kultur und Spaß entwickeln könnten. Denn daraus könnte womöglich noch etwas Subversives entstehen, etwas, das den demokratiephoben Bürokraten im Rathaus in den Standort-Eintopf spucken könnte.

Gesagt getan: In der Nacht zum 19. Januar wurde die Tanzdiele in der Legienstraße geschlossen. Bei einer Razzia sollen ca. 160 oder auch 200 Gramm Canabis gefunden worden sein. Bei unterschiedlichen Personen, wohlgemerkt. Für das Ordnungsamt Grund genug, die Musik- und Kulturkneipe zu schließen.

Doch die Freunde der Tanzdiele, die sich in der Initiative "Kieler Ehrensache" organisiert hahen, geben nicht klein bei: Am 16. demonstrierten ca. 200 bis 250 von ihnen mit zünftiger Musik und heißem Stehgreif-Rapp gegen die Engstirnigkeit Kieler Behörden. Statt sich mit ein paar harmlosen Kiffern rumzuschlagen, solle man doch mal lieber die Läden unter die Lupe nehmen, in denen in aller Öffentlichkeit gekokst werde, schlug ein Sprecher vor. Bereits einige Tage zuvor hatten sie in einem offenen Brief an Oberbürgermeister Norbert Gansel und andere Verantwortliche im Rathaus ihrem Ärger Luft gemacht: "Seit fast sieben Jahren übernimmt die Tanzdiele einen innovativen Part in der Kieler Kulturszene. Von Anfang an hat das täglich wechselnde Programm das ansonsten eher eintönige Kieler Nachtleben nachhaltig bereichert. Hier hat sich Kunstschaffen experimentierfreudig und publikumsnah entwickelt. ... DJs von internationalem Rang, Poetry Slam, Soap und Theater-Projekte, Spieleabende und Jazz am Donnerstag, elektronische Diele oder einfach nur Unterhaltung vom Plattenteller haben eine unverwechselbare Mischung von Künstlern und Publikum zusammen gebracht wir nennen das Lebensfreude und Glück!

Und das soll jetzt vorbei sein? Geht die Stadt Kiel, nachdem sie jahrelang öffentlich geförderte Kulturprojekte zurückgefahren hat, dazu über, auch privaten, für die öffentliche Hand kostenlosen Initiativen schwere Steine in den Weg zu legen?"

Kiels OB bleibt sich indes treu. In bekannter Sturheit lässt er über die KN wissen, dass er das Vorgehen gegen die Tanzdiele für "moralisch" geboten hält, denn es liege der Verdacht auf "Drogenhandel" vor (bei 200 g Canabis, das verschiedene Personen mit sich führten (sic!)). Auch der Kampf gegen Drogen sei "Kieler Ehrensache". Der Laden könne wieder geöffnet werden, wenn ein zuverlässiger Pächter einen Antrag stelle. Man vergleiche dieses Vorgehen damit, wie nicht allzuweit von Kiel entfernt mit den Lokalen von neonazistischen Gewalttätern umgegangen wird. (wop)

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