Kurzgeschichte

aufbrüchiger untergang

der genosse macht wahlwerbung. er steht vor dem foyer des konzertsaals, in das menschen mit anzügen und abendkleidern rein gehen. der genosse ist die verhärmte füllung zwischen zwei sandwich.plakaten, die ihm am rücken (aufschrift: "das erste mal") und vor dem bauch (aufschrift: "arbeit soll das land regieren") hängen. in der hand hält er flugblätter, die ihm niemand abnimmt. der genosse geht auf und ab, lebende litfass.säule. aufrechte starre der salzsäule, ein aufbrüchiger untergang.

dem genossen ist seit dem sommer, wo ich ihn sah, wie er in schlappen kurzen hosen vor der freilichtbühne stand, ein bart gewachsen, strubbelig, so genannt ungepflegt, weil so genannte revolutionäre nicht auf pflege ihrer selbst aus sein können. sie haben so genannte höhere ziele als sich selbst, sie denken an das so genannte "ganze", den entwurf, der größer ist als sie und in dem sie rädchen sind, das für den sieg rollen muss. dem genossen ist der bart gewachsen, den ich mir im sommer abrasiert habe. die summe der bärte bleibt konstant. die bärte verlagern sich nur. sie gehen von einem auf den anderen über. wie ein staffel.stab.

ich weiß von dem genossen zum beispiel, dass ihm seine so genannte frau so genannt weggelaufen ist, abhanden gekommen. ich weiß von dem genossen zum beispiel, dass er bei seiner bürgerlich so genannten arbeit versagt hat. ich kann davon ausgehen, dass der genosse deshalb verbittert ist. wenn man sich selbst abhanden kommt, sind größere ziele als man selbst zuhanden. man kann sich daran festhalten. und eigentlich hält der genosse auch nicht die flugblätter fest, er hält sich an ihnen fest. er hat die flugblätter nicht selbst geschrieben, aber er hat sie durch den kopierer gejagt. er hat die frohe botschaft unfroh vervielfältigt. auf den flugblättern, die niemand vor dem foyer des konzertsaals haben will, steht ein weg zur erlösung aufgeschrieben. es steht da was von einer anderen welt drauf, die nicht von dieser ist. wer nicht weniger als eine neue welt entwirft, macht fehler. der wahlspruch "arbeit soll das land regieren" ist falsch. er ist falsch, weil der begriff arbeit falsch gewählt ist. die alte arbeit ist gemeint, die ausbeuterische, die nur deswegen noch gelten kann, weil sie ausbeutung in selbstausbeutung verwandelt hat, in das sandwich.stehen und flugblätter nicht verteilen.

aber es ist gut fehler zu machen.

es ist davon auszugehen, dass der genosse, selbst wenn er nicht ein einziges flugblatt verteilt haben wird, wenn er nachhause kommen wird, in eine provisorische behausung der vorstadt, in der er wieder allein sein wird, nur er und die wichtige sache, für die er herumgestanden ist, etwas wie stolz fühlen wird. er wird sich besaufen, denn er sieht aus, als sei er einer, der sich besäuft, und am ende der flasche schwitzen oder weinen. oder beides. er wird denken, dass er nicht wichtig genug ist angesichts der sache, für die er herumsteht, und das wird ihn trösten. er tut nichts für sich selbst, das ist sein bekenntnis und seine letzte kraft.

dieser trost wird ihm am nächsten tag wieder sein sandwich anlegen, die flugblätter in die hand nehmen und sich vor einen belebten ort stellen lassen. der trost wird trost sein, weil er so trostlos ist.

und der hahn hat einmal gekräht.

denn ich stehe vor dem foyer und grüße den genossen nicht. meine faust ist ein taschen.fäustchen. ich weiche ihm aus, damit er mich nicht sieht. damit er mich nicht so sieht. damit er nicht sieht, dass ich glatt rasiert und parfümiert bin, sonnenseegebräunt und verliebt. wie der genosse annimmt, dass sein unglück notwendig ist für den kampf, den er kämpft, nehme ich an, dass das "kleine glück", gegen das ich nicht mehr ankämpfe, notwendig ist für meinen nicht.kampf. ich kämpfe inzwischen für die große sache, die ich heißt. der kampf um sie ist genauso schwer zu gewinnen wie der um das wir und das ihr, das keine flugblätter aus händen nimmt. das nicht liest. aber das tröstet mich nicht. so nimm denn meine hände.

und der hahn hat zweimal gekräht.

ich bin nicht mehr als einer der geringsten unter euch. so eine botschaft ist zu kompliziert für wartende vor konzertsälen. konzentrierte suchen hier nach zerstreuung, nicht nach lektüre von blättern, auf denen steht, dass der geringste von ihnen nicht weniger ist als sie selbst. der genosse ist der berg, der dahin kommt, wo niemand auf ihn klettern will. das ist die mühe der ebenen.

und der hahn hat dreimal gekräht.

wendig flüchte ich vor dem genossen, vor seinem blick. denn ich kenne des menschen nicht und kenne den genossen, diesen typus kämpfer, zu gut. indem ich meinen bart neulich abrasierte, habe ich gesagt, dass ich keiner mehr unter solchen genossen sein will. ich schaue auf die anderen plakate, die an den scheiben des konzertsaal.foyers hängen und gewisse kulinarische zerstreuungen ankündigen, plakate, die ich gemacht habe, in meiner zerstreuten lohnarbeit. das polnische tanztheater mazowsze zum beispiel. oder die große johann strauß gala, der zigeunerbaron mit zigeunrischen kotelletten, die ich ihm wachsen ließ. den bart habe ich ihm abrasiert, wildwuchs.pixel verwandelnd in glatt rasierte haut.pixel. ich habe dieses gras noch ausgerissen, damit es grün bleibt. ich habe mich selbst ausgerissen aus der mitte der pflanzerkolonne, die viel und doch zu wenig auf ihr revolutionäres bewusstsein hält, die die arbeit frei machen soll.

ich warte vor dem foyer zu dem konzertsaal auf den sieg der revolution, der ich jetzt eigensinnig den namen der frau gebe, in die ich verliebt bin. mein wahlkampf galt ihrer wahl, ihrer stimme, einem lippenkreuz auf meinen lippen, den gekreuzten armen einer umarmung an meinen hals in dieser schönen schlinge. darauf setzte ich all meine hoffnung wie einst. ich habe den habitus des verlorenen abgelegt aus kalkül, aus wahl.arithmetik. ich bin präzise im ausrechnen von chancen. ich habe ihr flugblätter geschickt, die sie nicht lesen wollte, aber dann doch gelesen hat, weil sie wusste, dass sie von meiner hand waren. aber das hatte keine bedeutung und keine folgen. die plakate, die auf meinen gratlosen rücken und meine kränkelnde brust geschrieben standen, wurden nicht gelesen.

ich habe dem genossen nichts voraus und doch so viel. nichts, weil ich einst wie er so stand, flugblätter verteilend, auf denen botschaften standen, die ich erhoffte, aber nicht glaubte. ich habe ihm etwas voraus, weil ich jetzt aushalten muss, dass ich nicht mehr an seiner seite stehe, nicht mehr auf derselben seite der barrikade. wir suchen dasselbe glück, aber wir wissen nichts mehr voneinander und deshalb stehen die barrikaden zwischen uns und kräht mir der hahn dreimal, als ich den genossen verleugne, um mich nicht mehr zu verleugnen im nicht.verleugnen der genossen.

niemand hat gesagt, dass es einfach sein würde, dass der marsch nicht beschwerlich wäre. uns beiden nicht. dass uns nicht die welten trennen würden, deren trennung wir nicht glauben wollten, indem wir sie aufzuheben versuchten. wir standen niemals jeder an seinem platz, weil niemand von uns hier einen platz hat. mein immer noch bis zur doofheit des traurigen clowns treuer genosse nicht, der leierkastenmann auf dünnem eis, und auch ich nicht an der seite der frau, in die ich verliebt bin. wir warten auf das eintreffen des zwar nicht unmöglichen, aber gänzlich unwahrscheinlichen. wir haben keinen sinn für unwahrscheinliches, weil wir das unmögliche für möglich halten.

die frau, in die ich verliebt bin, kommt von hinten an, knufft mich zärtlich in die seite. ich drehe mich um, sehe ihr lächeln. "komm, wir gehen rein", flüstert sie nah an meinem ohr. und nimmt meine hand wie einen kuss. aber nur wie. wie wir rein gehen, sehe ich aus dem augenwinkel, wie der genosse seine plakate von rücken und bauch nimmt, den flugblattstapel einrollt und in die tasche seines verschossenen mantels stopft. ich habe gesiegt, indem ich gescheitert bin, und ich scheiterte im siegen. dieser, derselbe, satz geht durch uns. und wir gehen hinein, ganz kurz arm in arm und seit an seit der genosse, die genossin und ich. (ögyr)

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